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Satire

30.6.2022          Der Merzkanzler – (m) ein Zukunftsbericht

Zwei Jahre nach dem überwältigenden Wahlsieg 2027 hat der neue deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz dem Spiegel ein Interview zu den ersten beiden Jahren seiner Kanzlerschaft gegeben:

Spiegel: Herr Merz, Sie haben nach Ihrer Wahl deutlich gemacht, dass Sie als ehemaliger Europachef von Blackrock, dem größten Finanzunternehmen weltweit, die Bundesrepublik wie ein Unternehmen führen werden. Halten Sie das heute für gelungen?
Merz: Aber ja, sehen Sie sich die Bundesrepublik an, ein blühendes Land.
Spiegel: Herr Bundeskanzler, Kritiker werfen Ihnen vor, bei der Sanierung Deutschlands zu brutal vorgegangen zu sein.
Merz: Das sehe ich keineswegs so. Nachdem die CDU den bürgerlichen Flügel der AfD und damit deren Wählerschaft übernommen und die Ampel durch ihre übertriebene Umsteuerung die Deutschen total verunsichert hatte, habe ich den neuen Gremien meiner Partei ganz deutlich gesagt, dass die angestrebte konservative Revolution nur im Sinne einer Unternehmenssanierung machbar ist, zumal nach der Rezession, die wir nach Coronakrise und Ukraine-Krieg erleben mussten. Und streng marktwirtschaftlich gesehen gibt es auch in Deutschland Sektoren, die weniger leistungsfähig sind. Die natürliche Folge war, die unproduktiven Teile abzustoßen.
Spiegel: Sie meinen damit die neuen Bundesländer?
Merz: Ganz richtig, aber nicht alle. Thüringen und Sachsen haben sich als sanierungsfähig erwiesen. Wir haben sie daher erhalten. Für Mecklenburg-Vorpommern konnten wir nichts mehr tun, Totalverlust. Da kam uns das Angebot der US-Administration sehr gelegen, das Land zu pachten, in dem es ausreichend Raum gibt für Fracking-Gas-Förderung und die umfangreichen Tanks für das aus den USA gelieferte Flüssiggas. Neben der Schaffung neuer Arbeitsplätze und der Jahrespacht konnten wir sogar die Übernahme der Landesschulden erreichen. Ein guter Deal für uns, wie mir der US-Botschaftern gerade bestätigte.
Spiegel: Und Brandenburg haben Sie sogar an Polen verkauft.
Merz: Richtig. Vergessen Sie dabei aber nicht das Ergebnis dieses wirtschaftlich besonders sinnvollen Deals. Polen hat damit nicht nur die Schulden Brandenburgs übernommen, sondern sich auch verpflichtet, drei Millionen der ärmsten deutschen Rentner anzusiedeln, die dort mit ihren deutschen Renten doppelt so gut zurechtkommen werden wie hierzulande. Mit diesem Befreiungsschlag haben wir die Sozialhilfekosten massiv reduziert und den Kommunen wieder auf die Beine geholfen.
Spiegel: Ihr letzter Coup war ja auch der spektakulärste, nämlich die Sanierung des Bundeshaushalts durch den Verkauf der Staatsschulden an einen Pensionsfonds von Blackrock, der offenbar als einziger diesen Brocken stemmen konnte. Die Kritik, vor allem aus Bayern, stört sich vor allem daran, dass Sie als Sicherheiten neben deutschen Kulturgütern wie dem Kölner Dom, Rotenburg ob der Tauber auch verschiedene Bayerische Schlösser dafür verpfändet haben.
Merz: Verpfändet ist nicht verkauft. Die Bevölkerung kann diese Liegenschaften weiterhin ungehindert nutzen.
Spiegel: Den ungewöhnlichsten Weg sind Sie bei den Arbeitslosen gegangen.
Merz: Das hat zuerst zwar kaum einer begriffen, doch Arbeitnehmer werden nun einmal entlassen, wenn sie für das Unternehmen keinen Gewinn mehr bringen. Das habe ich nur auf den Staat übertragen, und von den zwei Millionen Arbeitslosen diejenigen, die nicht als Söldner im Ukrainekrieg arbeiten wollten, aus der Staatsbürgerschaft entlassen und aus Deutschland ausgewiesen.
Spiegel: Und wohin?
Merz: Unterschiedlich. Nicht wenige sind in Indien und anderen nur mäßig entwickelten Ländern untergekommen. Eine ganze Reihe haben sich als Soldaten in diversen afrikanischen und südamerikanischen Bürgerkriegsländern verpflichtet. Auch im Nahen Osten und in einigen totalitären Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion sind nach unseren Informationen Viele untergekommen.
Spiegel: Eines Ihrer ersten Vorhaben, nämlich die Bundesrepublik langfristig zum 52.US-Bundesstaat zu entwickeln, ist ja bekanntlich gescheitert. War das zu hoch gegriffen?
Merz: Keineswegs. Wie das Beispiel Puerto Rico zeigt, wäre eine solche Fusion durchaus sinnvoll, da wir mit den USA wirtschaftlich schon jetzt kaum noch enger verbunden sein können. Mit der Weltmacht USA im Rücken könnten wir uns auch gegenüber der künftigen Weltmacht China besser positionieren. Die nach wie vor entscheidungsunfähige EU wäre ebenfalls kein Hindernis. Nur mit Rücksicht auf das noch immer starke Interesse unserer Exportwirtschaft am EU-Markt haben wir die Verhandlungen damals abgebrochen.
Was meine Außenpolitik betrifft, kann ich Ihnen übrigens noch zwei gute Nachrichten mitgeben: Die Deutschen stören sich ja schon lange an der Lagerung von US-Atomraketen auf deutschem Boden. Wir sind gerade dabei, mit der US-Regierung über den Verkauf des ebenfalls unwirtschaftlichen Landes Sachsen-Anhalt zu verhandeln. Die USA würden dann ihre Atombomben aus Rheinland-Pfalz dorthin verlagern, was auch im Interesse der Nato ‚näher am Feind‘ wäre.
Die zweite gute Nachricht ist, dass wir den Wirtschaftstrend des Outsourcings auf den Staat anwenden. Die teure und ineffiziente Bundeswehr schaffen wir nach dem ebenso kostspieligen wie unnötigen 100 Milliardenpaket der Ampel ab. Der Lizenzertrag für deren Verwaltung durch die größte US-Söldnerfirma steht vor dem Abschluss, die zudem auch das ganze Kriegsgerät verantwortet. So erhält der Bundeshaushalt einen feststehenden Posten und es entfallen für uns Lager- und Wartungskosten, die beim Lizenznehmer anfallen, der sich zweckmäßigerweise auch in Sachsen-Anhalt einrichtet und dort ebenfalls Arbeitsplätze schaffen wird.
Spiegel: Was sind Ihre nächsten Pläne, Herr Bundeskanzler?
Merz: Wir müssen uns noch mehr auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren. Wir werden an den Universitäten unsinnige Studienfächer wie Sozialpädagogik streichen, weil das heute von Softwareprogrammen besser und billiger erledigt wird. Stattdessen müssen deutsche Kernfächer wie Ingenieurwissenschaften stark ausgebaut werden.
Spiegel: Sehen Sie, Herr Merz, hier nicht einen gewissen sozialen und sichtbaren Ausverkauf eines Landes, das einmal Deutschland war?
Merz: Keineswegs. Sehen Sie, die Mehrzahl der Deutschen, und die haben mich schließlich gewählt, will vor allem, dass Ruhe herrscht, die Wirtschaft funktioniert, im Fernsehen genug Krimis, Musik- und Talkshows laufen und in der Garage der neueste SUV steht. Diese Mehrzahl sind im übertragenen Sinne die Aktionäre meines Unternehmens Deutschland. Und sie wollen ganz natürlich Dividenden sehen. Die liefere ich.
Spiegel: Herr Bundeskanzler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch
Merz: Gern geschehen. Vergessen Sie nicht, am Ausgang die Gebühren für dieses Interview einzuzahlen. Und bevor Sie gehen: Dieses Gespräch was powered by Coca Cola light.