Geschichte, Und Mehr

Geschichte

01.05.2022          Unsere kurze Geschichte
Den Menschen als Krone der Schöpfung zu bezeichnen, wie noch vor gar nicht langer Zeit üblich, gilt inzwischen mit Recht nur noch für die Qualität dessen, was wir Intelligenz nennen, Und die ist ein Zufallsprodukt der evolutionären Entwicklung auf unserer Erde. Auf der haben sich in den etwa 4,5 Milliarden Jahren seit ihrer Entstehung eine heute für uns noch immer nicht übersehbare Vielzahl von Lebewesen entwickelt. Das auch nur einigermaßen objektiv zu begreifen, fällt uns schwer, schon aufgrund der im Verhältnis dazu geradezu unglaublich kurzen Lebenszeit unserer Menschheit, und erschwert noch durch das sogar dazu extrem geringen Jahre des einzelnen Lebens.  Das war kein Problem, solange der Mensch sich wie alle anderen Lebewesen auf Überleben und Fortpflanzung als die bis dahin üblichen Pfeiler der Evolution beschränkte. In den Jahrmilliarden hat sich unsere Erde nämlich zu einem Kosmos entwickelt, in dem alles Leben sich gegenseitig bedingt, ergänzt und neues Leben ermöglicht. Das Verhängnis begann mit dem dritten Pfeiler der Evolution, der Lebewesen bevorzugt, die sich am besten den jeweiligen Verhältnissen und ihrer Umgebung anpassen. Das dabei entstandene einmalige Phänomen, das wir als unsere Intelligenz bezeichnen, hat diesen Kosmos grundsätzlich verändert. Aufgrund der Überlegenheit unseres Verstandes haben wir uns nicht nur unglaublich vermehrt, sondern auch – zumindest für einen Teil von uns – das Leben bequemer, länger und interessanter gemacht. Und das alles in einem selbst nach unseren Maßstäben unglaublich kurzen Zeit. Diese für uns grundsätzlich positive Entwicklung hat aber auch unseren Platz in der Evolution dramatisch verändert. Wissenschaftler mit dem entsprechenden Sachverstand verdeutlichen seit Jahrzehnten: Der Raubbau der Ressourcen für Nahrung, Kleidung, Obdach und für Gesundheit, Bequemlichkeit und Konsum, und das Alles für immer mehr Menschen und immer mehr Unnötiges, wird schon in wenigen Generationen erst einmal für die ärmere Bevölkerung nicht mehr ausreichen. Der Folgen daraus will sich allerdings eine Mehrheit von uns nicht stellen. Aufgrund unserer kurzen Lebenszeit haben wir auch bisher noch nicht die soziale Bildung erreicht, die uns die Einsicht für das notwendige umgehende Handeln vermittelt. Die vom Verstand gesteuerte Intelligenz hat uns zwar die Vorteile gebracht, die wir heute genießen. Das Bewusstsein dafür, welche Folgen das für die weitere Existenz der Gattung Mensch haben wird, hat die Mehrheit von uns nicht erreicht. Sie wird das auch in der Zeit, die ihr noch bleibt, nach meinem Dafürhalten, nicht schaffen. Die Coronapandemie läßt ja einige Menschen hoffen, dass sie ein Umdenken in Richtung andere Werte und mehr Solidarität bewirkt. Das dürfte nicht zutreffen, wie der Geschichtsexperte Reinhardt in seinem gerade erschienenen Buch: Die Macht der Seuche anhand der Pest im 14. Jahrhundert erläutert. Corona wird danach eine Episode bleiben und es wird keine Wendezeit sein.
Enden wird es wohl mit dem erbitterten Kampf zwischen Arm und Reich, den – zuerst einmal – die Reichen gewinnen werden. So hat es bereits Herr Soros, einer der Reichsten unter uns, vor Jahren vorhergesagt. Doch auch wenn dann erst einmal vielleicht eine kleine Minderheit überleben wird. Aufgrund der technischen und digitalen Entwicklung wird es immer Menschen geben, die vor ihrem sicheren Ende alles daransetzen wird, diese Überlebenden mitzunehmen oder ihnen zumindest das Weiterleben zur Hölle zu machen. Für die nächsten Generationen eine trübe Zukunft.

08.08.2023                Frankfurts Kulturmeile                                 Gerade habe ich folgenden  Leserbrief an meine FR geschickt:
Die Städtischen Bühnen sind ein weltweit geschätzter und vielleicht sogar wichtigster Teil des Frankfurter Kulturlebens. Unter dem Stichwort Kulturmeile hat die Stadt für den notwendigen Neubau von Oper und Schauspiel mehrere Standorte geprüft. Sie unterscheiden sich im Hinblick auf die jeweiligen Kosten nur unwesentlich. Die Neubauten sollten vor allem zwei grundsätzliche Bedingungen erfüllen, um die Interessen der Bürger zu berücksichtigen, denn für sie wird schließlich gebaut. Zuerst einmal gehören die Bühnen in die Mitte Frankfurts, wo das Herz der Stadt auch künftig schlagen wird und wo die Bürger ihre Stadt fühlen und erleben. Dahin geht richtig auch der Wunsch des Kulturdezernats nach einer Wandlung des öffentlichen Raums. Ein Bau an einer der belebtesten Durchgangsstraßen (Neue Mainzer) ist daher völlig ungeeignet. Zweite Bedingung muss sein, die schon zu oft angeknabberten Wallanlagen auch nicht um zehn weitere Quadratmeter zu beschneiden. Daher wäre ein Neubau beider Neubauten auf dem bisherigen Areal richtig, denn alle anderen Vorschläge für dieses Gebiet werden die Wallanlagen beeinträchtigen. Dazu könnte die Hofstraße als begrünte Anliegerstraße/Fußgängerzone ausgewiesen werden und als Zugang zur Oper zu dienen. Der heutige KfZ-Verkehr dort kann unproblematisch vom Untermainkai aufgenommen werden. Damit würde zugleich ein Schritt in Richtung der inzwischen allseits gewünschten Reduzierung des innerstädtischen KFZ-Verkehrs gemacht. Durch die rückseitig aneinander gebauten Spielstätten können Oper und Schauspiel organisatorisch Vieles gemeinsam nutzen und dennoch räumlich getrennt bleiben. Auch das von Vielen vermisste Ballett würde Platz finden. Mit einer Begrünung des Westteils des Willy-Brandt- und des Märchenbrunnen-Platzes wäre überdies eine Verlängerung der Wallanlagen bis zum Untermainkai sinnvoll, wobei sogar ein Fußgänger- und Fahrradtunnel unter ihm hindurch endlich einen autofreien Zugang zum Mainufer ermöglichen würde. Ein neues Kapitel zur fußgängerfreundlichen Stadt würde geschrieben. Nur etwas Mut ist gefragt. Ich bin sicher, dass die meisten Frankfurter Bürger das dankbar annehmen würden.

28.02.2023          Zweifel nicht angebracht
Nachdem ich gerade wieder eine Lebensmarke (85) hinter mir habe, bleiben die Zweifel, ob ich mit meinem Vorhaben ‘Webseite’ richtig liege, die doch trotz einiger Leser eher ein eigenes Lebenstagebuch ist. Gut, dass mir dabei   mein großartiger Mentor Erich Fromm zur Seite steht. Der sagt (‚Über die Liebe zum Leben‘, ISBN 3763232968, S.165  f.):
„Es ist politisch eine außerordentliche Notwendigkeit, dass es politisch engagierte Menschen gibt, die an der Stelle, wo sie stehen, freimütig sagen, was sie denken, was sie wissen. Man kann das Private und das Öffentliche nicht trennen. Man kann das Wissen von sich und das Wissen von de Gesellschaft nicht trennen. Beides gehört zusammen….Und wenn man den Menschen liebt, dann kann man nicht die Erkenntnis und die Liebe nur auf das Individuelle erstrecken. Das muss zu Fehlern führen. Da muss man ein politischer Mensch, ein politisch – ich würde sogar sagen -leidenschaftlich interessierter Mensch sein in der Weise, wie es dem eigenen Temperament, dem eigenen Beruf, den eigenen Fähigkeiten am meisten entspricht. Ich möchte noch etwas sagen, was dazu gehört. Ich glaube, für den Intellektuellen gibt es in erster Linie, in zweiter Linie und in dritter Linie nur eine Aufgabe und das ist, die Wahrheit zu suchen, so gut er kann, und sie zu sagen. Der Intellektuelle ist nicht primär dazu berufen, es ist nicht primär seine Funktion, politische Programme zu entwerfen. Das schränkt nicht das ein, was ich vorher gesagt habe. Aber er hat …..die spezielle Funktion eines kompromisslosen Verfolgens der Wahrheit ohne Rücksicht auf eigene oder andere Interessen. Und wenn die Intellektuellen im Dienste eines Parteiprogramms und im Dienste politischer Ziele, mögen sie auch noch so gut sein, ihre Funktion einschränken, die volle Wahrheit zu suchen und zu sagen, dann versündigen sie sich an ihrer eigensten Aufgabe, die sie haben  und am Ende an der wichtigsten politischen Aufgabe, die sie haben: denn ich glaube allerdings, dass der politische Fortschritt davon abhängt, wieviel wir von der Wahrheit wissen, wie klar und kühn wir sie sagen und wieviel davon die Menschen beindruckt.“ Danke lieber Fromm!
 30.7.2021      Andrea Wulfs Humboldt
Auf dem Gymnasium habe ich die deutsche Geschichte gleich zweimal durchgenommen, leider nur jeweils bis zum ersten Weltkrieg, dann wurde es unbekanntes vielleicht vermintes Terrain. Aber auch für das Jahrhundert davor hat mir erst die deutsch-britische Kulturhistorikerin Andrea Wulff (geb. 1972 in Indien und mehrfach preisgekrönte Autorin) mit ihrem Buch ‚Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur‘ die Augen geöffnet, und wie!  Ihre umfassende und packende Beschreibung seines Lebens und des gesamten Jahrhunderts ist überwältigend und man hat auch beim zweiten Lesen noch genau so viel davon. Ich denke auch, Humboldts Beschreibungen und Erkenntnisse waren und sind für das Verstehen des Klimawandels und seiner Entwicklung von einer nicht gar einschätzbaren Wichtigkeit.
4.2.2022          Heute und Gestern
Unsere Gegenwart und unsere Zukunft können wir nicht beurteilen ohne unsere Vergangenheit zu kennen. Das habe ich inzwischen gelernt und deswegen hat mich eine für die damalige Zeit sicher nicht untypische Geschichte sehr berührt, die gerade einmal etwa 150 Jahre – also vier Generationen – alt ist. Ich habe sie in der Hinterlassenschaft einer alten Freundin gefunden, die unglaublich viel in der Ortsgeschichte recherchiert hat. Und es hat da stattgefunden, wo ich seit Jahrzehnten gut und in Sicherheit lebe. Es zeigt uns, wie es bei uns noch vor gar nicht langer Zeit aussah, und wie dankbar wir sein sollten für das Heute. In leicht gekürzter Fassung habe ich es hier übernommen:
                                                                                           Adam Webers Schicksal
Der 1846 in Ober Erlenbach, heute ein Vorort von Bad Homburg, geborene und als Maurer ausgebildete Adam Weber war nach seiner Heirat 1874 mit Frau und Sohn nach Frankfurt gezogen, wo er Wohnung und Arbeit fand. Allein aus dem vor allem landwirtschaftlich geprägten kleinen Ort waren bereits zehn Familien nach Amerika ausgewandert. Sieben-Tage-Woche, 12-Stundentag, Kinderarbeit, ein Drei-Klassen-Wahlrecht und kaum öffentliche Verkehrsmittel waren damals Standard für die Mehrzahl der Arbeitenden – auch für Weber, der zwar gute Arbeit leistete, dem es aber an Unterwürfigkeit fehlte. Denn im deutschen Reich konnten Städte aufgrund des Bismarckchen Sozialistengesetzes den ‚kleinen Belagerungszustand‘ verhängen, Frankfurt verhängte ihn 1886. Er erlaubte es, politisch Mißliebige aus Kreis oder Stadt auszuweisen, und das binnen drei Tagen und ohne Begründung. Da Weber sozialdemokratische Ideen vertrat und nach Polizeiangaben im Maurer-Fachverein ‘agitiert’ hatte (nach dem Verbot der Gewerkschaften hatten sich vielerorts Handwerkervereine gegründet), geriet er auf eine der zu diesem Zweck geführten schwarzen Listen und wurde noch im selben Jahr am Tag nach Heiligabend aus Frankfurt ausgewiesen. Frau und Kind mußte er zurücklassen. Er zog über Offenbach, wo wenige Tage später ebenfalls der Belagerungszustand verhängt wurde, zurück in sein Heimatdorf zu seinem Schwager. Auch von dort berichteten Polizeispitzel, u. a., dass er auswandern wolle, aber keine Genehmigung dazu erhielt. Da die Behörden versuchten, auch für den zuständigen Kreis Friedberg den Belagerungszustand zu verhängen, zog Weber nach Mannheim, wo er Arbeit fand. Als Webers Sohn, der bisher die Mutter unterstützt hatte, 1987 zum Militär eingezogen werden sollte, richtete Weber vergeblich (‚im Geheimen wird er weiter wühlen‘) zwei devote Bittgesuche an die Frankfurter Obrigkeit zwecks Rückkehr zur sonst mittellosen Ehefrau. Erst die Fürsprache des badischen Polzeicommissärs half, der in einem zweiten Brief schrieb ‘der Logisgeber und Ehefrau bestätigen, dass Weber sich jeweils schon nach 8 Uhr abends zu Bett geht, verkehrt fast nie mit anderen Arbeitern und hat noch nie auch nur eine Stunde von der Arbeit gefehlt‘. Fast ein Jahr nach seiner Abreise durfte er wieder nach Frankfurt zurück.
Bei den Reichtagwahlen 1890 erzielten die Sozialdemokraten 66 % der Stimmen, die Sozialistengesetze liefen aus. Auf einer Liste des sozialdemokratischen Wahlvereins 1897 steht Adam Weber auf dem vierten Platz. Er starb mit 56 Jahren 1902 in Frankfurt.
Die verstorbene Brunhilde Hoffmann aus Ober Erlenbach, zusammen mit ihrem Mann 40 Jahre lang unsere ältesten Freunde dort, die neben ihren vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten unermüdlich die Geschichte des Ortsteils und vor allem der Sozialdemokratie und der Verfolgten unter dem Naziregime recherchierte, hat diese Geschichte hinterlassen:

12.05.2023          Zeugen vergangener Zeit
Dieses Buch mit dem Untertitel ‚Ober-Erlenbach erinnert sich an das 20. Jahrhundert‘ ist das Ergebnis einer Ausschreibung der Stadt Bad Homburg, ehrenamtliche Stadthistoriker für die Aufgabe zu gewinnen, die Vergangenheit u. a. einzelner Stadtteile aufzuarbeiten. Torsten Martin, alter Bekannter aus meiner Zeit bei der Ökobank, hat diese Aufgabe für die bis 1972 selbständige Gemeinde erhalten, in der wir 35 Jahre gelebt haben. Die bunte Mischung der 29 Beiträge und Interviews geben ein natürlich nicht vollständiges aber eindrucksvolles Bild des Lebens in dieser noch bis in die Mitte des Jahrhunderts dörflichen Gemeinde. Besonders beeindruckt haben mich aus einem der Interviews die Erinnerungen einer damals 92jährigen Einwohnerin, die mit völlig klarem Kopf und frei von der Leber weg die Unterschiede des Lebens von gestern und heute beschreibt: Keine Wasser- und Abwasserversorgung, der Abfall auf die Deponie am Ortsausgang, Fünf Brunnen, aus denen viele Haushalte das Wasser in Eimern nach Hause schleppen mussten, wie die Kohlen, die im Bahnhof des Nachbarorts in Säcke geschaufelt wurden. Oft gab es keine mehr, so im Krieg, und die Kinder brachten ein heißes Brikett mit in die Schule und nahmen es nachts mit ins Bett. Die Mütter waren oft den ganzen Tag mit Windeln- und Wächewaschen im Bach, Essen und Kartoffeln für die Schweine kochen und dem Schleppen von Badewasser beschäftigt. Und das auch in den strengen Wintern, in den die Wäsche, die auf der Wiese gebleicht wurde, steif gefroren war. Verwandte aus Frankfurter kamen wegen ein paar Kartoffeln mit dem Leiterwagen die 20 Kilometer. Einige Dörfler arbeiteten sogar in Frankfurt, hatten dort ein Zimmer, und liefen am Wochenende mit der Drückkarre nach Hause, um ihre kleine Landwirtschaft zu bearbeiten. „Freitags musste die Mutter die Knobelbecher saubermachen. Die hatten ja auch nicht 50 Paar Schuhe, wie das heute der Fall ist“. Das Alles ist gerade einmal 80 Jahre her und es liegen gefühlt Welten dazwischen mit einem Leben, das wir uns heute nicht einmal mehr vorstellen können. Ein Beitrag von mir ‚Vom Dorf in die Stadt‘ findet sich im Thema ‚Geschichte‘.

25.04.2023          Aus meinem Studentenleben
Nach dem Abitur 1958 suchte ich auf Wunsch meines Vaters, der in Königsberg einer studentischen Verbindung (Burschenschaft Germania) angehört hatte, verschiedene dieser Verbindungen auf. Nur weil mir bei einem Besuch des Corps Saxonia zu Frankfurt zwei der Mitglieder imponierten, trat ich dort ein, wurde Fuchs (F) und nach zwei erfolgreichen (Fecht)Mensuren Corpsbursch (CB). Der aktive Vorstand eines Corps besteht aus drei Mitgliedern: Dem Erstchargierten (x), dem Zweiten (xx) als Fechtverantwortlichem und dem Drittchargierten (xxx) als Schriftführer. Daneben ist der Fuchsmajor (FM) für die Füchse verantwortlich. Ein Aktiver wird beim Ausscheiden inaktiv (IaCB), nach dem Studium Alter Herr (AH).
Nachdem ich zum XX gewählt und schon als SC-Fechter, nämlich Bester aller drei ansässigen Corps, gehandelt wurde, nahm das ein schnelles Ende, als meine dritte Partie wegen vermeintlichem Kopfzucken nicht gewertet wurde. Da auch die nächste Partie daneben ging, wurden mir Band und die Fechtcharge entzogen. Na ja, Im zweiten Semester habe ich zwei weitere gewertete Partien gefochten, wurde wieder XX, erhielt im Oktober 59 das Band zurück und wurde im nächsten Semester zum X gewählt Die in den Versammlungen stimmberechtigten IaCB und AH entschieden, dieses Amt könne nur ich richtig führen. Ende 1960 wurde ich nach dreimal FM zum IaCB. In der letzten Fechtpartie stellte ich noch einen Frankfurter Rekord auf: Ich paukte sie aus (21 Gänge), erhielt aber mit 23 Nadeln mehr als es bei einer ausgepaukten Partie bisher gegeben hatte, obwohl bei mir ‚überhaupt kein Blut geflossen‘ sei, wie der Paukarzt feststellte.
Schon damals störten mich allerdings schon die bei jeder Gelegenheit ausufernden Besäufnisse, an denen sich auch oft die Alten Herren beteiligten und dabei jede Hemmung fallen ließen. Das imponierte mir ganz und gar nicht. ‚Wenn das die immer beschworene corpsstudentische Erziehung ist?‘ notierte ich damals. Und ‚sind mehr oder weniger Spießer‘. Ich blieb aber dabei, da die Aktiven insgesamt eine sympathische Gemeinschaft waren, und ich dort Anerkennung fand.
Von 1963 bis 1966 leitete ich dann die Pressestelle des Kösener Gesamtverbands, in dem alle Kösener Corps zusammengeschlossen sind. Wurde meine Arbeit dort auch anerkannt (so die ‚Gedanken zur Neugestaltung der Deutschen Corpszeitung‘, in der ich 1964 auch einen längeren Beitrag: 50 Jahre Johann-Wolfgang- Goethe Universität veröffentlichte), so hatte ich mit meinem Entwurf einer Informationsschrift ‚Über die Corpsstudenten‘ beim Vorstand des Altherrenverbands, der obersten Instanz des Verbands, kein Glück. Er war ihnen zu modern. Die Konsequenz war mein Rücktritt zusammen mit der gesamten Pressestelle.
Dennoch habe ich als IaCB und später AH regen Anteil an den Problemen des aktiven Corpslebens von Saxonia genommen, vor allem im Hinblick auf die sich ändernde Einstellung zum Fechten. Ich unterstützte vor allem die Idee, andere – sportliche – Formen anstelle des Fechtens von Mensuren einzuführen. Die Aktiven waren dafür. Da die Mehrheit der meisten AH vor Ort das ablehnten, löste sich die Aktivitas, die immerhin das eigentliche Corps bildete, auf. Die Wirkung verpuffte aber, da in der folgenden Generalversammlung die AH die Mehrheit hatten, so dass eine wenn auch verminderte Aktivitas weitermachte. Ich hatte nun bei den Vorkriegs-AH den Ruf des Abtrünnigen, wurde aber von Saxonia in die langwierige Suche nach einem neuen Standort für das Corps (mit dem Ergebnis Konstanz) eng einbezogen. Da sich nach meinem Eindruck aber in der Mehrzahl der Corps auch weiter nichts bewegte, zog ich mich allmählich zurück und erklärte mit dem Umzug 1985 meinen Austritt.

07.04.2023             50 Jahre Frankfurter Stiftungsuniversität
In der Deutschen Corpszeitung, dem Organ des Studentenverbands Deutscher Corps, in deren Schriftleitung ich für zwei Jahre tätig war, habe ich am 01.08.1964 den folgenden Beitrag veröffentlicht:
‘Aus Ihrem Bericht vom 4. Juni d. J. habe ich ersehen, dass die Zuwendungen zugunsten einer Universität in Frankfurt am Main die Möglichkeit geben, sie aus eigenen Mitteln zu unterhalten. Da auch im Übrigen die Vorbereitungen soweit gediehen sind, dass im Winterhalbjahr 1914/15 mit dem Unterricht begonnen werden kann, will ich nunmehr die Universität zu Frankfurt am Main hierdurch in Gnaden errichten und genehmigen, dass sie in den Genuss der ihr zugewandten Rechte tritt. Neues Palais, 10. Juni 1914.gez.: Wilhelm R.”
So lautete der Text der Urkunde, mit der die Errichtung der Frankfurter Universität genehmigt wurde. Fünfzig Jahre scheinen nicht eben viel im Leben einer Universität. Und doch ist Frankfurt mit Recht stolz auf diese Gründung, denn sie ist im Gegensatz zu allen anderen Universitäten der Initiative und dem Opfermut der Frankfurter Bürger zu verdanken, die damit ein langersehntes Ziel erreichten. Wie weit die Bestrebungen in Frankfurt zurückreichen, eine Universität in ihren Mauern zu errichten, zeigt uns eine Eintragung aus dem Rechenmeisterbuch der Stadt Frankfurt vom 20. Februar 1384: ,,ltem 3½ Gulden eyme schuler zu lauffen geyn Ludyche an den kenczler von Parys umb daz studium von Parys gen Franckfurt zu legen, alß he dry wochen da lag unde eyn entworte wartete’
Seit der doppelten Papstwahl von 1378 in Avignon und Rom war nämlich zwischen den Anhängern beider Päpste an der Universität Paris Streit ausgebrochen, und deutsche Lehrer und Schüler hatten Paris verlassen. Eine Entscheidung für Frankfurt fiel damals nicht, da der Bote sich drei Wochen in Lüttich aufhielt, ohne eine positive Antwort zu erhalten. Warum dieser Plan damals fehlschlug, wissen wir nicht. Dagegen gründeten Pariser Professoren zwei Jahre später die Heidelberger Universität. In den folgenden Jahrhunderten gab es zwar immer wieder Bestrebungen, die Wissenschaften in Frankfurt heimisch zu machen, doch es blieb bei Ansätzen und Einzelunternehmungen; so z. B. die Gründung eines städtischen Gymnasiums 1520, der Ausbau der Buchmesse, die Bestrebungen des Jakob Sender von Bienenthal zur Errichtung eines hortus botanicus und das Vorhaben, im Sommer 1693, nach der Zerstörung Heidelbergs durch die Franzosen, die nach Frankfurt geflüchteten Professoren zur Gründung einer Universität heranzuziehen. Doch dieses Mal fehlten die Studenten, die den Professoren nicht nachgereist waren. Ich nehme allerdings nicht an, dass auch weite Teile der Bürgerschaft einem solchen Vorhaben ablehnend gegenüberstanden – die Professoren blieben immerhin fünf Jahre in der Stadt -, doch waren wohl einige einflussreiche Bürger der Ansicht, eine solche Gründung könne nicht Aufgabe der Handels- und Kaufmannsstadt sein. Später war Frankfurt sogar einmal wenigstens Sitz einer Fakultät: Als nach der französischen Annexion das Großherzogtum Frankfurt gegründet wurde, legte der Fürst-Primas Karl von Dalberg die „Großherzoglich Medizinische Chirurgische Schule” seiner neuen Landesuniversität nach Frankfurt. Das war 1811. Schon 1813 war es jedoch damit zu Ende, da der Frankfurter Senat die Weitererhaltung nach dem französischen Desaster von 1813 ablehnte mit der Begründung, die Stadt müsse die wissenschaftliche und gelehrte Bildung anderen Städten überlassen, da Frankfurts „Flor sich nur im Emporkommen des Handels gründen könne”. Diese Einstellung stand jedoch in offenbarem Widerspruch zu der Ansicht, die starke geistige Kräfte in der Bürgerschaft vertraten. Als deren erste sichtbare Dokumentation und zugleich Grundstock für die künftige Universität im Sinne wissenschaftlicher Forschung ist die am 18. August 1783 von dem Arzt Dr. Johann Christian Senckenberg ins Leben gerufene Stiftung zu verstehen, die ein medizinisches Institut mit Bibliothek, eine Naturaliensammlung, botanischen Garten, chemisches Laboratorium und anatomisches Theater umfasste. Goethe meinte zu dieser Einrichtung, dass keine Akademie sich ihrer zu schämen brauchte. 1816 wurde dann die „lytechnische Gesellschaft”, 1817 die „Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft” und 1824 der „Physikalische Verein” gegründet, wozu 1859 noch das „Freie Deutsche Hochstift” kam. 1881 wurde in Sachsenhausen das städtische Krankenhaus er richtet, dem 1892 eine allen wissenschaftlichen Anforderungen gewachsene chirurgische Abteilung angegliedert wurde. Der endgültige Ausbau zu einem medizinischen Zentrum, das sich später als Sitz der medizinischen Fakultät von selbst anbot, erfolgte zwischen 1897 und 1899, als Stadt und Staat gemeinsam das Institut für Serumforschung und experimentelle Chemotherapie errichteten, dessen Leiter Paul Ehrlich im Jahre 1908 für seine bahnbrechenden Forschungen (Salvarsan) den Nobelpreis erhielt. Als gewisses Gegenstück zu dieser schon vor der eigentlichen Gründung hochentwickelten Forschungsstätte kann man die Bemühungen zur wirtschaftswissenschaftlichen Bildung ansehen, die 1898 in der gemeinsam von der Handelskammer der Stadt errichteten „Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften” gipfelten. Sie bildete den Grundstock für die heutige wirtschafts- und sozial­ wissenschaftliche Fakultät und war die erste Bildungsstätte dieser Art an deutschen Hochschulen. Die genannte Akademie besaß schon 1903 als Dozenten Professoren für Staatswissenschaft, Privat- und Handelsrecht, öffentliches Recht und Strafrecht, romanische Philologie und Handelswissenschaft. Die Möglichkeit zur Errichtung und – wie sich aus der eingangs zitierten Genehmigungsurkunde ergibt –  auch zur Unterhaltung einer Universität, wurden schließlich durch zum Teil ganz außerordentlich hohe Stiftungen Frankfurter Bürger gegeben und war das Lebenswerk eines Mannes: Dr. Franz Adickes, 1891 bis 1912 Oberbürgermeister von Frankfurt. Dieser Mann verstand es, zielstrebig die vorhandenen Einrichtungen und Anstalten für Kunst und Wissenschaft für die große Aufgabe zu gewinnen, andere Männer dafür zu begeistern und vorhandene Widerstände und Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Zu den erwähnten Stiftungen kamen noch die 1901 mit einem Kapital von 500 000,- Mark angelegte Dr. Lucius-Meister’sche Studienstiftung, die eine Klausel erhielt, nach der die Erträgnisse dieses Kapitals einst „im Rahmen der Philosophischen Fakultät” mitverwendet werden sollten, weiter ebenfalls 1901 die Georg und Franziska Speyer’sche Stiftung von 1 Million Mark zur „Pflege der Wissenschaft und des höheren wissenschaftlichen Unterrichts”. Das Universitätshauptgebäude wurde mit den 2 Millionen Mark gebaut, die der Buchhändler Jügel hinterlassen hatte und die nach dem Tode seiner beiden Söhne 1901 an die Stadt fielen. Diese „Jügelsche Lehranstalt für deutsche Literatur, Philosophie und Geschichte” wie auch ein großer Teil der heute noch an der Senckenberganlage stehenden Universitätsgebäude wurden in einer Zeit gebaut, in der es noch gar keine Frankfurter Universität gab. 1909 legte schließlich Adickes seinen Plan zur Errichtung einer Frankfurter Universität dem Ministerium in Berlin vor. Dort erklärte man sich zwar im Prinzip einverstanden, machte aber die Genehmigung von der Aufbringung weiterer 6 Millionen Mark – wohlgemerkt Goldmark – abhängig. Doch Adickes gab nicht auf. Es gelang ihm, 23 Bürger zur Abdeckung auch dieses Fehlbetrags zu gewinnen. Geheimrat Gans von den Casellawerken steuerte allein 1 Million bei. Da auch die Stadt endlich die noch fehlenden Grundstücke bereitgestellt hatte, stand der Errichtung nun nichts mehr im Wege. Es war auch höchste Zeit, denn fünf Tage nach der Veröffentlichung des Genehmigungsdekrets brach mit dem Attentat von Sarajewo der erste Weltkrieg über Europa herein. An dem Tag, an dem der Kaiser die allgemeine Mobilmachung anordnete, unterzeichnete er auch die Satzung der neuen Universität, am1. August 1914. Eingeweiht wurde die Universität denn auch nicht mit festlichem Gepräge am 18. Oktober durch den Kaiser, wie es vorgesehen war, sondern in spartanischer Einfachheit am 25. Oktober 1914.
Die neue Universität unterschied sich also von allen anderen deutschen Universitäten dadurch, daß sie nicht landesfürstlicher Initiative ihre Entstehung und Erhaltung verdankte, sondern allein den Bürgern ihrer Stadt, die entsprechend dem Gründungsvertrag von 1912 auch die durch den Betrieb verursachten Lasten zu übernehmen sich bereiterklärt hatten. Das Stiftungskapital bot dazu ausreichend Möglichkeit, wobei die Zinsen von 2 Millionen Mark sogar für unvorhergesehene Bedürfnisse Verwendung finden konnten. Die Frankfurter Universität, die damit als die fortschrittlichste und liberalste galt, mußte schon nach dem ersten Weltkrieg und in der sich anschließenden Inflation eine ernste Krise überstehen. Das Stiftungskapital durfte selbst nicht angegriffen werden, während seine Erträgnisse nicht mehr zur Unter­haltung ausreichten. Dabei war die Zahl der Studenten, die im Eröffnungssemester 618 betragen hatte, trotz des Krieges ständig stark gestiegen (1917: 1918; 1922: 4611). Das um Hilfe angegangene Preußische Ministerium lehnte eine Hilfe ab. In dieser Situation zeigten jedoch die Frankfurter Stadtverordneten ein erfreuliches Verständnis und bewilligten einen erst vorübergehenden, später ständigen Zuschuss. Damit war die Grundlage für eine kontinuierliche Entwicklung gegeben, und die zwanziger Jahre brachten der Frankfurter Universität eine Blütezeit, die auch in der Gründung zahlreicher neuer Institute ihren Ausdruck fand.
In der nationalsozialistischen Zeit, die auch hier ab 1933 ihren Einzug hielt, wurde die Universität erneut einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt. Entsprechend den nationalsozialistischen Grundsätzen wurde der Große Rat der Universität aufgelöst und die Zahl der Mitglieder des Kuratoriums, in dem sich die Gauleitung einen maßgeblichen Einfluss sicherte, beschränkt. Es nimmt dabei nicht wunder, wenn ein großer Teil des Lehrkörpers, der als „unzuverlässig” galt, emigrierte und ein beträchtlicher Teil der Lehrstühle unbesetzt blieb.
Nach dem zweiten Weltkrieg mußte praktisch wieder ganz von vorn angefangen werden. 1 m ganzen waren 67 Prozent der Universitätsgebäude zerstört. Die Universitätsbibliothek hatte etwa 500 000 Bände, die Senckenbergische Bibliothek mit rund 10 000 Bänden ein Zehntel ihres Bestandes verloren. Wie es bei diesem Zerstörungsgrad mit den übrigen Hilfsmitteln und Apparaten aussah, kann man sich vorstellen. Trotzdem gingen sofort nach Einstellung der Feindseligkeiten Dozenten und Studenten in Selbsthilfe daran, den Schutt beiseite zu räumen und provisorisch den Unterricht wieder aufzunehmen. Bei dem folgenden Wiederaufbau waren es neben den Amerikanern, insbesondere vertreten durch den damaligen Universitäts-Offizier, wieder Frankfurter Bürger, die zusammen mit der Stadt und dem Land Hessen die Frankfurter Universität zu neuem Leben erweckten. Das “Forum Academicum”, auf dem gleich nach dem Kriege bedeutende Persönlichkeiten unter dem Motto „Deutschland, Europa und die Welt” Vorträge hielten und diskutierten, war der erste Schritt zur Wiederbelebung des geistigen Lebens der Universität, die inzwischen wieder zu einem Zentrum für Lehre und Forschung in Deutschland geworden ist. Die Selbstverwaltung der Universität und die Freiheit der Lehre und Forschung wurden gesichert durch einen Staatsvertrag zwischen der Stadt und der Landesregierung, der nach vorheriger Ratifizierung in der Stadtverordnetenversammlung durch Beschluss des Landtags zum Gesetz wurde. In dieser Neuordnung des Universitätsvertrags von 1953 wurde auch der Stiftungscharakter der Universität gewahrt, indem außer Vertretern des Landes, der Stadt und der Universität nun auch Vertreter des Landtags und der noch vorhandenen Stiftungen Sitz und Stimme sowohl im Großen Rat der Universität erhielten als auch in deren Kuratorium. Dieser Vertrag bestimmte auch, dass von nun an die Vertragschließenden den Finanzbedarf für den laufenden Unterrichts- und Forschungsbetrieb, den Wiederaufbau und die Erweiterung der Universität je zur Hälfte tragen. Diese Regelung hat schon Früchte getragen und die Entwicklung der Universität gefördert. Heute gibt es über 100 Universitätsinstitute, zahlreiche neue Gebäude (z. B. ein neues Hörsaalgebäude mit sieben Hörsälen, sämtlich ohne Fenster und vollklimatisiert, und das neue philosophische Seminar mit neun Stockwerken in Stahlskelett­-Bauweise. Ein riesiges neues Mensa-Gebäude ist bereits fertig, der Neubau der Stadt- und Universitätsbibliothek nähert sich seiner Vollendung. Er liegt übrigens auch auf dem Universitätsgelände und genau gegenüber der Deutschen Bibliothek. Es würde zu weit führen, alle Neubauten und das, was für die nächsten Jahre geplant ist, aufzuzählen. Die Beträge dafür sind nur in Hunderten von Millionen anzugeben. Diese Planung geht von der starken Zunahme der Studenten aus, die bereits im Wintersemester 1963/64 einschließlich der 1960 angegliederten Hochschule für Erziehung die Zahl 13 369 erreichte. Davon sind über 1000 Studenten Ausländer. Gab es 1948 188 Lehrkräfte, so sind es heute etwa 600. Auf die gegenwärtige Besetzung der Lehrstühle, die zum großen Teil ganz bedeutende Kapazitäten aufweisen, möchte ich nicht näher eingehen, da sie sich am besten aus dem jeweiligen Vorlesungsverzeichnis ersehen läßt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit seien jedoch einige bedeutende Lehrer und Forscher aus der Geschichte der Frankfurter Universität genannt: Behrmann (Erdkunde), Buber (Philosophie), Dessauer (phys. Grundlagen der Med.), Drevermann (Paläontologie), Edinger (Neurologie), Ehrlich (Pharmakologie), Freudenthal (Strafrecht), Frobenius (Ethnologie), Gerloff (Finanzwissenschaft), Giese (Staatsrecht), Laue (Physik), Linke (Geophysik), Oppenheimer (Soziologie), Panzer (Deutsche Philologie), Schmidt (Betriebswirtschaftslehre), Schmieden (Chirurgie), Tillich (Philosophie), Wilhelm (Sinologie).
Wenn die Frankfurter Universität, die seit 1932 den Namen des größten Sohnes der Stadt, Johann Wolfgang von Goethe, trägt, in diesem Jahr ihren 50. Jubiläumstag in einem etwas festlicheren Rahmen gefeiert hat, als es vielleicht den Jahren nach angebracht wäre, so muß man ihre Geschichte wissen. Nicht nur die Gründungsfeier gilt es nachzuholen, sondern auch die Feier zum Abschluss der Wiederaufbauarbeiten. Nicht nur der Stolz auf die Leistungen der Bürger und ihrer Universität darf dabei mitschwingen, sondern auch der Gedanke, dass die Universität noch immer keine rein staatliche Einrichtung ist und noch immer vom wachen Geist der Stadt getragen wird.”

22.01.2022          Vom Dorf in die Stadt – Der Weg Ober Erlenbachs nach Bad Homburg
Die Stadt Bad Homburg wollte Einiges über Ihre Geschichte veröffentlichen. Einer der Beauftragten bat mich für sein Buch ‘Zeugen vergangener Zeit’ um einen Beitrag zur Eingemeindung Ober Erlenbachs 1972, die ich als ehrenamtlicher Politiker miterlebte:

“Als man Homburg noch gar nicht genannt
war Erlenbach schon längst bekannt
die Herren von Eppstein und Falkenstein
sogar der Bischof von Mainz am Rhein
stritten sich um Land und Leute
betrachteten sie als ihre Beute
doch immer stand, wenn auch mal schwach
ungebrochen Erlenbach”
(Walter Steinmetz)

“Es war im Jahr 1965 als ich mit meiner Mutter im Käfer-Cabrio aus Frankfurt in Richtung Norden fuhr. Sie suchte als alleinerziehende Mutter mit 4 Kindern und einer großen Allgemeinarztpraxis zumindest an zwei Tagen Ruhe vor dem 24-Stundendienst. Keine halbe Stunde entfernt wurden wir in Ober Erlenbach fündig, der uns bis dahin unbekannten südlichsten Gemeinde des Landkreises Friedberg. Denn dort wurden in einem ersten kleinen Neubaugebiet nach dem Weltkrieg Einfamilienhäuser gebaut. Kurze Zeit später gehörte ihr eines in der nach dem Gesamtunternehmer Freitag-Siedlung, später auch wegen ihrer Bauweise Schachtelhausen genannt.
Die mit 1939 etwa 1.000 Einwohnern kleine Gemeinde hatte inzwischen schon fast 4.000 davon. Zwar seit Jahrhunderten immer das Lehen verschiedener weltlicher oder geistlicher Herren, war sie nun schon seit Jahrzehnten selbstständig mit einem Bürgermeister und eigenem Haushalt. In der ursprünglich rein landwirtschaftlich geprägten Gemeinde war die Zahl der Einwohner nach dem Krieg vor allem durch den Zuzug von Flüchtlingen aus dem Osten stark gestiegen. Viele von ihnen arbeiteten inzwischen in Industriebetrieben der Großstadt Frankfurt und der Nachbargemeinde Bad Homburg.
Durch meine in der Folge häufigen Besuche lernte ich ein Vereinsleben kennen, das viel lebendiger war als in der Großstadt, verstärkt noch durch Veranstaltungen wie die legendären Karnevalsnächte beim Metzger Rupp und im Kirchsaal. Als ich dann einige Jahre später mit Familie selbst im zweiten Neubaugebiet Wingert wohnte, wurden wir wie viele Neubürger ein Teil davon. Kindergarten und Nachbarschaft konnten nicht besser sein. Ähnlich war es mit dem Vereinsleben.  Im TSV (Turn- und Sportverein) spielten wir Tennis in der von mir mit initiierten Tennisabteilung, ich war im Bauausschuss zur Gründung der ersten Kirche für die evangelische Gemeinde, dann dort im Kirchenvorstand, gründete den Ortsverband der Jungsozialisten, war dann im Vorstand der SPD und sechszehn Jahre Abgeordneter im Stadt- bzw. Regionalparlament.
Als in den späten Sechzigern in der Gemeinde überall die Straßen gepflastert, Abwasserleitungen verlegt waren und eine neue Bücke verkehrliche Entlastung gebracht hatte, standen wir Bürger und ihre politischen Repräsentanten, vor einer neuen ungewöhnlichen Aufgabe. Eine vom Land Hessen für 1970/71 beschlossene Verwaltungs- und Gebietsreform sah eine Zusammenlegung bzw. Neuorientierung kleinerer Gemeinden vor. Das galt natürlich auch für unser Ober Erlenbach. Wir wussten, dass wir größer werden mussten. Doch wie; die erste Vorstellung für uns als Bürger dieser kleinen aber selbstbewussten und traditionsreichen Gemeinde war, die Selbständigkeit zu behalten, zum Beispiel als ‚Zuwachsgemeinde‘. Auf mehreren Bürgerversammlungen im ersten Halbjahr 1971 wurde das sowie diverse Modelle für das Zusammengehen mit Nachbargemeinden diskutiert. Ich bezeichnete schon dort das Beharren auf der Selbständigkeit als kurzsichtig, denn es wurde schnell deutlich, dass die Reform eine Mindestzahl von 15.000 Einwohnern für Gemeinden im Ballungsraum Rhein-Main vorsah. Für uns stellte sich daher nur die Frage nach der Möglichkeit, sich mit Nachbargemeinden zusammenzuschließen, wobei realistisch wohl nur Nieder-Eschbach, Ober-Eschbach, Harheim und Nieder Erlenbach infrage kamen, eventuell mit einem neuen Stadtmittelpunkt nördlich von Nieder Eschbach. Doch auch diese Überlegung zerbröselte schon nach wenigen Monaten, als uns klar wurde, dass die großen Nachbarn schnell gewesen waren. Das Nieder Eschbacher Parlament hatte zwar schon einem solchen Modell zugestimmt, doch ihr damaliger Bürgermeister erhielt von Frankfurt wohl ein so gutes Angebot, dass er sein Parlament umstimmen konnte. Innerhalb weniger Monate war sich auch Bad Homburg mit Dornholzhausen und Ober Eschbach einig und Frankfurt mit Harheim und Nieder Erlenbach. Unseren politisch Verantwortlichen blieb dann nur noch, etwas spät, Gespräche zur Eingemeindung mit Bad Homburg aufzunehmen. Die Situation schien gut. Immerhin brachten wir 900 ha Land und 180 ha Wald (bis hin zur Saalburg) mit. Die im Grenzänderungsvertrag Ober Erlenbach gemachten Zusagen zum Kauf der denkmalgeschützten Zehnscheune ‚zur Verwendung im öffentlichen Interesse‘ und der Anlage eines Teichs auf der Ochsenwiese sind leider nicht eingehalten worden – im Gegensatz zum Vertrag mit Ober Eschbach, denen ganz konkret eine große und dann sehr schnell gebaute Turnhalle zugesagt wurde.
Der Grenzänderungsvertrag, der aus mir unbekannten Gründen das Datum 11.05.1978 trägt, legt den Tag der Eingliederung auf den 01.07.1972 fest. Das Jahr 1972 findet sich denn auch auf dem mit dem Bad Homburger Wappen verzierten Steinrelief am Brunnen vor der Kirche St. Martin. Dort wurde1979 zur 1200-Jahrfeier der Gemeinde dann immerhin auch ein Steinrelief mit dem Ober Erlenbacher Ortswappen angebracht, das die Landesregierung der Gemeinde 1962 genehmigt hatte.”

‘Missstände in der Entwicklungshilfe’  Mein Beitrag für das Projekt „Mein 1968“ der Frankfurter Rundschau 1919
Aus einer weitgehend unpolitischen bürgerlichen Familie und mit Hochschulabschluss war ich politisch völlig unbedarft, als ich 1967 meinen ersten Job bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau begann. Dort lernte ich in der Abteilung für Entwicklungsbanken schnell, dass die deutsche Kapitalhilfe zu etwa 70 % an deutsche und europäische Firmen zurückfloss und zu weiteren 10 % in Kanälen verschwand, die jedenfalls nicht der dortigen Bevölkerung gehörten. Das brachte mich in den Club Voltaire und zu den Jusos. Wir entwarfen Papiere, die auf diese und andere Missstände der Entwicklungshilfe hinwiesen, dann zwar irgendwo auch mal zur Kenntnis genommen wurden, ansonsten aber keinerlei Folgen hatten. Diese Erfahrungen öffneten mir allerdings dann die politischen Augen und ich beteiligte mich nach meinem Arbeitstag an den zahlreichen Diskussionsabenden und friedlichen Demonstrationen der Studenten, wie vor dem damaligen amerikanischen Generalkonsulat in der Siesmayerstraße. Dort habe ich mit Begeisterung in die Ho Ho Chi Min-Rufe eingestimmt. Diese Jahre haben mich geprägt und sicher nicht nur mich zu der Erkenntnis geführt, dass wir, denen es so gut geht wie keiner Generation zuvor, etwas von dem zurückgeben sollten, was die Gesellschaft uns ermöglicht hat. Das Ergebnis lautet für mich: Die Achtundschziger waren für Viele, leider aber nicht zahlreich genug, eine politische Lehre, die uns bis heute begleitet. Inzwischen haben fehlende (politische) Bildung, Konsumdenken und der immer stärkere Einfluss der Wirtschaft auf eine egoistische Politikerkaste zu Vieles davon zerstört. Das weiterhin vorherrschende Groko-Denken wird daher die Kehrtwendung zu einer Gesellschaft verhindern, die sich an den Bedürnisse der Bürger und nicht an den ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Interessen der Wirtschaft orientiert. Und das in einem Land, das aufgrund seiner Grösse und seiner finanziellen Ressourcen wie kaum ein zweites dazu in der Lage wäre
Porträt des Autors
Hans-Jürgen Gratz, Jahrgang 1938. Als Volljurist geriet ich in meinem Berufsleben zum klassischen Banker, was mich von der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau über Deutsche Bank und Bank für Gemeinwirtschaft in die Leitung der ersten deutschen grünen Bank, der Ökobank, führte. Von dort aus gründete ich das erste deutsche auf die Finanzierung von umweltverträglichen Projekten spezialisierte Unternehmen. Meine langjährigen beruflichen Erfahrungen ließen mich zum kritischen Beobachter der Finanzwelt und daher in meiner Alters(unruhe)zeit zum Autor von ‚Basiswissen Geldanlage‘ werden, dem immer noch kritischsten Ratgeber auf diesem Gebiet, wie ich meine. An einer erneuerten Kurzfassung arbeite ich. In den acht Jahren als Parlamentarier in Bad Homburg und weiteren acht Jahren im Umlandverband Frankfurt habe ich politisch mehr negative als positive Erfahrungen gemacht. Gegen den Stachel der politisch Etablierten zu löcken dürfte auch heute nicht weniger schwierig sein. Seit Jahrzehnten setze ich mich daher für soziale Projekte ein, im Kirchenvorstand, im Kinderschutzbund, in der örtlichen Bürgerselbsthilfe, zuletzt durch die Gründung und Leitung der Tafel in meinem Wohnort. Seit 45 Jahren bin ich verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel. Ich empfinde mich als Mensch, der mit seinem Leben zufrieden ist, auch weil ich fast immer beruflich das mir Zusagende tun konnte, was mir auch außerhalb gelang, und weil ich privat und gesundheitlich einfach Glück gehabt habe.

Aus der eigenen politischen Geschichte – im Oktober 1978
Über Politik zu schreiben, können wir alle und sollten es auch, wenn uns dazu etwas Vernünftiges einfällt. Wenn man Politik selbst erlebt hat, ist das ein Vorteil. Als damaliger Stadtverordneter im Parlament der Stadt Bad Homburg habe in der  Stadtteil- Zeitung ‘Der Ober Erlenbacher’ die ungleiche Einkommensverteilung und die damit zusammenhängende Wohnungsnot beschrieben:Schon einige Male haben wir in dieser Zeitung auf unsere Stadt als ‚bevorzugte Wohngegend‘ hingewiesen, in der allerdings auch über tausend unserer Mitbürger am Rande des Existenzminimums leben und mit 292 DM monatlich auskommen müssen. Es ist klar. Dieser Betrag liegt unterhalb dessen, was ein Mensch benötigt, um hier und heute einigermaßen menschenwürdig leben zu können. Entsprechend stieg die Zahl der Räumungsklagen von 17 in 1976 auf 30 allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres. Aus solchen Zahlen kann man nur schließen, dass unsere wohlhabende und wohlgefällige Stadt mehr Elend in ihren Häusern beherbergt als zu verantworten ist. Worum aber sorgt sich die Parlamentsmehrheit unserer Stadt bevorzugt? Dass wir recht bald in den Genuss eines neuen Kur- und Kongresshauses kommen – für 50 Mio DM. Ich meine, für die Beschaffung neuer Arbeitsplätze und den Bau von mietgünstigen Wohnungen würden viele unserer Bürger mehr Verständnis aufbringen. Öffentliche Bauten sind wichtig. Aber eine bessere Abwägung mit den Interessen unserer sozial benachteiligten Mitbürger und Minderheiten ist wichtiger. Es ist leider unverkennbar, dass die Mehrheit unseres Stadtparlaments dem nicht Rechnung trägt.

 

Vergangenheit und Gegenwart
Vor über 50 Jahren (1970 und 1971) habe ich in der noch heute vom  Verlag Kurt Debus herausgegebenen ‚Wochenschau für politische Erziehung, Sozial- und Gemeinschaftskunde, Ausgabe für die Sekundarstufe II (damals Ausgabe 0)‘ neun Beiträge verfasst, von denen ich einige noch immer mit aktuellen Bezügen hier und anschließend im Thema Politik nach und nach einfüge. Sie vermitteln nicht nur ein kritisches Bild der damaligen Zeit sondern ermöglichen auch einen interessanten Vergleich zu den heutigen Verhältnissen.
Die UN: Moralische Instanz – mehr nicht?                    sh.15.03.2023 + unter Thema ‘Frieden/ohne Waffen
Die politische  Bedeutung des Außenhandels              sh.02.6.2023  + unter Thema Politik
Entwicklung und Auswirkungen des Welthandels   sh.02.05.2023 + unter Thema Politik
Was ist faul an der Entwicklungshilfe?                         
sh.02.07.2023 +und unter Thema Afrika
Bleibt Abrüstung ein Wunschtraum?                             
sh.02.04.2023 + unter Thema Frieden

02.05.2023          Entwicklung und Auswirkungen des Welthandels
Handel über die Staatsgrenzen hinweg hat es schon immer gegeben. Seine heutige Bedeutung gewann der internationale Handel durch die Industriestaaten. Kennzeichnend für diese Entwicklung ist die Tatsache, dass die Entwicklungsländer – z. Z. werden von den Vereinten Nationen 91 gezählt – heute noch mit den Rohstoffländern nahezu identisch sind.  Und diese Phase unserer Wirtschaftsgeschichte ist noch sehr jung: Gerade dreihundert Jahre ist es her, daß die Industrialisierung in England ihren Ausgang nahm, und erst im 19. Jahrhundert griff sie auf Kontinentaleuropa, Nord­amerika und – um 1870 – auch auf Japan über. Zwischen 1850 und 1870 wuchs in diesen Ländern – ab 1876 auch in Japan – das Brutto­ inlandsprodukt1) um 2 Prozent jährlich, wodurch das Einkommen, gerechnet vom Beginn des Jahrhunderts an, um das Siebenfache. Und diese Phase unserer Wirtschaftsgeschichte ist noch sehr jung: Gerade dreihundert Jahre ist es her, dass die Industrialisierung in England ihren Ausgang nahm, und erst im 19. Jahrhundert griff sie auf Kontinentaleuropa, Nordamerika und – um 1870 – auch auf Japan über. Zwischen 1850 und 1870 wuchs in diesen Ländern – ab 1876 auch in Japan – das Bruttoinlandsprodukt um 2 Prozent jährlich.
Erst die nicht mehr aufzuhaltenden Emanzipationsbestrebungen – nach dem Zweiten Weltkrieg erlangten innerhalb von 15 Jahren 60 neue Staaten ihre Unabhängigkeit  – führten in den unterentwickelten Ländern zu wachsendem politischem Selbstbewusstsein und zur Forderung nach Modernisierung und Fortschritt. Sie versuchten, die Infrastrukturen zu verbessern, Industrien aufzubauen, Bildungseinrichtungen zu schaffen. Doch auf die Verteilung des Weltexports hatten und haben diese Bestrebungen kaum Einfluss. Die großen Märkte bilden immer noch die Industriestaaten. Denn der technische Fortschritt verlangt hohe Investitionen, wofür aber nur die Industriestaaten das notwendige Kapital besitzen. Dort leben nur 34 Prozent der Weltbevölkerung, aber 87,5 Prozent des Weltbrutto-sozialprodukts werden von ihnen erzeugt, während die übrigen zwei Drittel der Menschheit die restlichen 12,5 Prozent beitragen. In welch schwacher Position sich die Rohstoffländer gegenüber den Industriestaaten befinden, wird auch deutlich in der Verschlechterung der Terms of Trade (Han­delsbedingungen) in den letzten Jahren, insbesondere im Fallen der Rohstoffpreise. Dazu ein – zugegebenermaßen krasses – Beispiel: Im Jahre 1954 entsprach der Wert eines Jeeps dem von 14 Sack Kaffee, im Jahre 1962 dem von 39 Sack Kaffee. Es liegt auf der Hand, dass diese Entwicklung das Ungleichgewicht im Welthandel immer größer werden läßt. Doch erst mit der Industrialisierung begann die stetige rasche Ausweitung des internationalen Handels: Allein in den Jahren zwischen 1966 und 1969 erhöhte sich sein Volumen um etwa 21 Prozent. Daran waren die Entwicklungsländer mit jährlich im Durchschnitt plus 1Prozent, die Industrienationen dagegen mit jährlich plus 6 Prozent beteiligt8). Prozentual sinkt also der Anteil der Rohstoffländer am Welthandel weiter ab. Hierbei muss auch eine neue Entwicklungstendenz berücksichtigt werden: Die wachsenden Ansprüche der Märkte, die steigende Anzahl an Produkten sowie Neuent­wicklungen und die schärfere Konkurrenz, die zur Fertigung höherer Stückzahlen zwingt, was wiederum größere Märkte verlangt  –  all diese wirtschaftlichen Bedingungen fördern eine immer stärkere Zusammenarbeit sowohl auf technolo­gischem Gebiet als auch in der Fertigung und dem Vertrieb der Produkte. Immer mehr Firmen verschiedener Staaten schließen sich daher zusammen oder vereinbaren eine Zusammenarbeit auf bestimmten Gebieten; internationale Konzerne bilden sich; Inlandsfirmen verschaffen sich Stützpunkte im Ausland, Know-how und Lizenzen. Diese entwickelten Länder, zu denen heute auch Australien, Neuseeland und Südafrika zählen, werden als Industriestaaten bezeichnet – im Gegensatz zu den sogenannten unterentwickelten Ländern. Entsprechend ihren ständig wachsenden zivilisatorischen Bedürfnissen nach Konsumgütern, technischen Investitionen u. a., vereinigen sie auch den Löwenanteil des Welthandels auf sich. Am Weltexport 1938, der eine Höhe von 23,5 Millionen US-$ erreichte, waren sie mit 75 Prozent beteiligt, am Weltexport 1966, der fast auf das Zehnfache, nämlich 200 Millionen US-$ gestiegen war, sogar mit 81 %. Die übrigen Staaten hatten am Zuwachs der technischen Entwicklung der Industrienationen und daher auch am Welthandel wenigen oder gar keinen Anteil, während die Industrie­ staaten ihren zeitlich so kleinen Vorsprung an technischem Wissen rücksichtslos ausnutzten. Als „Kolonien” (Beispiel Afrika) oder unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Partnerschaft (Beispiel: Investitionen der USA in Süd- und Mittelamerika) wurden die unterentwickelten Länder und Gebiete als personelle und wirtschaftliche Rohstofflager ausgebeutet. Der Welthandel im Sinne eines internationalen Gebens und Nehmens spielte sich im Wesentlichen zwischen den reichen Staaten ab. Im Übrigen floss der Strom einseitig aus den armen in die immer wohlhabender werdenden Staaten. Aus dem bisher Gesagten ergeben sich die beiden wesentlichen Merkmale, die den Welthandel heute kennzeichnen:
1  Die Stetige rasche Ausweitung des internationalen Handels: Allein in den Jahren zwischen 1966 und 1969 erhöhte sich sein Volumen um etwa 21 Prozent. Daran waren die Entwicklungsländer mit jährlich im Durchschnitt plus 1Prozent, die Industrieländer dagegen mit jährlich plus 6 Prozent beteiligt. Prozentual sinkt also der Anteil der Rohstoffländer am Welthandel weiter. Hierbei muss eine neue Entwicklungstendenz berücksichtigt werden: Die wachsenden Ansprüche der Märkte, die steigende Anzahl an Produkten sowie Neuentwicklungen und die schärfere Konkurrenz, die zur Fertigung höherer Stückzahlen zwingt, was wiederum größere Märkte verlangt.
2.  Der unterschiedlicher Produktumfang in den Rohstoffländern auf der einen und den Industriestaaten auf der anderen Seite: Die Folge ist eine immer weiter auseinanderklaffende Einkommensschere zwischen Entwicklungs- und Industrieländern, die im Wesentlichen darauf beruht, dass die Entwicklungsländer ihre Devisenerlöse zu fast 90 Prozent aus Rohstoffexporten erzielen. Nahezu die Hälfte dieser Länder gewinnt sie sogar nur aus den Exporterlösen eines einzigen Rohstoffs, drei Viertel bestreiten über 60 Prozent ihrer Exporte mit drei Rohstoffen. Die Preise der meisten dieser Rohstoffe sind instabil, und vor allem: die Nachfrage nach ihnen hängt vom Bedarf der Industriestaaten ab. Erzeugen diese selbst genug, wie z, B. die EWG, die ihren Bedarf an einer ganzen Anzahl von Lebensmittel selbst deckt, oder werden sogenannte Substitutionsstoffe, das sind künstliche, meist billigere oder andere, weniger teure Ersatzstoffe für den bisher verwendeten Rohstoff, erfunden oder entdeckt, dann sinkt der Preis für den Rohstoff, sofern es überhaupt noch eine Nachfrage gibt.               Dadurch wandeln sich bestimmte Bereiche des Welthandels heute schon zu einer Art von Binnenmarkt, was zum Beispiel bei einigen Pharmazeutika und Pflanzenschutzmitteln sehr deutlich zu beobachten ist. Diese Entwicklung wird sich noch verstärken. Heute schon ist es nichts Ungewöhnliches mehr, wenn beispielsweise eine in deutschem Besitz befindliche Firma in den USA Produkte nach einer japanischen Lizenz in ihrem südamerikanischen Zweigwerk herstellen läßt und diese Waren dann in alle Welt exportiert. Die wirtschaftlichen Werte und Gewinntransfers, die dadurch entstehen, sind nur schwer in eine bestimmte Sparte des Welthandels, wie er bisher üblich war, einzuordnen. Gleichwohl geben sie den technisch fortgeschrittenen und kapitalkräftigen Industriestaaten bessere Möglichkeiten, diese Gewinne zu verwerten.
Dieser Teufelskreis, in dem sich die Exportanstrengungen der Entwicklungsländer totlaufen, kann nur durch die gemeinsamen Bemühungen aller am Welthandel beteilig­ ten Staaten durchbrochen werden. Die wirtschaftlichen Verflechtungen lassen allerdings zweiseitigen, aber auch regional begrenzten multilateralen (vielseitigen) Vereinbarungen zur Lösung dieser Probleme keine Chance. Nur bereits industrialisierte Staaten sind in der Lage, untereinander wirtschaftlich wirksame Abkommen zu schließen, wie die Zusammenschlüsse des COMECON, der EFTA und besonders der EWG gezeigt haben. Es gibt zwar bereits die notwendigen Organisationen, die in weltweitem Rahmen arbeiten – nur waren die erzielten Ergebnisse bisher alles andere als befriedigend. Das GATT, ein allgemeines Zoll- und Handelsabkommen innerhalb der Vereinten Nationen, geht vom System der Meistbegünstigung aus. Das bedeutet: Jedes Land (die EWG tritt hier als Einheit auf) im GATT gewährt einem anderen Land für ein bestimmtes Produkt genau die Einfuhrerleichterungen (Zölle), die es selbst für dieses Produkt von dem betreffenden Land erhält. Durch das Missverhältnis im Produktangebot zwischen Industrie- und Rohstoffländern wird jedoch weitgehend wieder nur der für die Industriestaaten bestehende günstige Zustand zementiert. Daher wurde auf Veranlassung der UN die Welthandelskonferenz (UNCTAD) gegründet, die sich fast ausschließlich mit den Wirtschafts- und Handelsproblemen der Entwicklungsländer beschäftigen soll. Seit 1964 haben auf verschiedenen Welthandelskonferenzen die Rohstoffländer einen verzweifelten Kampf um Präferenzen, vor allem Vorzugszölle geführt, doch ohne Erfolg. Gerade ist die letzte dieser Konferenzen zu Ende gegangen. Als ersten ‚großen Erfolg’ hat sie die Zustimmung der Industrieländer zu der Forderung gebracht, ihnen für Halb- und Fertigerzeugnisse Vorzugszölle einzuräumen, „um dazu beizutragen, die Kluft zwischen den armen und den reichen Ländern zu verringern.“ Immerhin – doch sollte man nicht vergessen, dass diese Erzeugnisse ganze 10 % der Exporte der Entwicklungsländer ausmachen. Die Sicherung der Rohstoffexporte, besonders die Stabilisierung ihrer Märkte, bleiben als Probleme auf dem Tisch. Keinesfalls also können sich die Entwicklungsländer von dem Beschluss der UNCTAD eine grundlegende Verbesserung ihrer Exportsituation erhoffen. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu hören, dass die USA sogar versuchen wollen, für ihre Zugeständnisse durch zweiseitige Verhandlungen mit Entwicklungsländern Gegenpräferenzen herauszuholen. Daran wird deutlich, dass auch die bestgemeinten Ratschläge, Expertenentsendungen und Kapitalhilfeleistungen der reichen Länder unwirksam bleiben müssen, wenn auf der anderen Seite die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer aufgrund der ungleichen Machtverteilung im Welthandel wirtschaftlich und handelspolitisch ausgepowert werden. Doch solange die Gewinnmaximierung bei uns höchste Priorität genießt und allen sozialpolitischen Überlegungen vorgeht, ist mit einer Veränderung dieser Verhältnisse nicht zu rechnen. Sie werden sich im Gegenteil noch verschärfen.“
Hans-Jürgen Gratz         WOCHENSCHAU Nr. 3 / November 1970

Was ist Glück

Unser großer Dichter Goethe hat einmal bemerkt, dass er nur wenige Male in seinem Leben glücklich war. Damit ist ein Moment des Hochgefühls oder ein zumindest kurzer Zeitraum gemeint, denn ein längeres Glücksgefühl ist kaum vorstellbar, weil dann höchstens eine mehr oder minder starke Zufriedenheit Platz greift. Das sollte wohl auch ein von einer Webseite  veröffentlichtes Stimmungsbarometer aussagen, das auf Platz eins Als Glück den Wunschs nach einem Job setzt, in dem man glücklich ist. Die Webseite interpretiert das als Wunsch nach einer Tätigkeit, in der ein Mensch ganz er selbst sein kann. Das ist sicher richtig, da für die meisten Menschen die berufliche Tätigkeit den größten Teil ihres Lebens bestimmt.  Aber das Glück ist es nicht. Das liegt vielleicht in dem Gefühl, das man in dem Augenblick empfindet, in dem man diesen ersehnten Job erhält.

Schweitzers Haus 2022Das Glück der Begegnung

22.9.1959 Günzbach (l) und als Ehrenbürger in Frankfurt vorm Goethehaus                                                                              Das Schweitzer Haus in Günzbach 2022 (r)

Als ich 1958 mein Studium in Frankfurt begann hatte, ich gerade Albert Schweitzers ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘ gelesen, und war voller Bewunderung für diesen Mann. In einem Gespräch über ihn mit einem Kommilitonen hörte ich, dass Schweitzer gerade wieder mal aus seinem Hospital in Lambarene hier wäre. Ich fasste einen Entschluss und nahm  die Gelegenheit wahr, in die Pfalz mitgenommen zu werden. Von da gelangte ich dann unter anderem mit einem halsbrecherisch fahrenden Metzger nach Günsbach. Nach einigen Fragen stand ich am 22. September 1959 vor dem Haus von Schweitzer. Auf mein Klingeln öffnete eine Frau, der ich mein Anliegen, Herrn Dr. Schweitzer besuchen zu wollen, antwortete  ‚Herr Schweitzer ist nicht zuhause‘ und schloss sie die Tür. Etwas frustriert setzte ich mich auf den Abhang gegenüber und überlegte, was tun. Es vergingen etwa zehn Minuten, die Tür ging auf, Schweitzer trat heraus und ging in Richtung Kirche. Sie steht nur wenige hundert Meter entfernt. Ich sprang auf, lief zu ihm und trug mein Anliegen vor, ihn kennen zu lernen. Er gab mir die Hand mit den Worten ‚Dann kommen Sie mit.‘ Da ich aufgeregt war, kann ich mich auf dem kurzen Weg dorthin nur noch erinnern, dass er vor allem mich befragte. In der Kirche ging er wortlos die Treppe zur Orgel hoch. Ich setzte mich auf eine Kirchenbank und hörte, wie er spielte. Nach einiger Zeit kam er wohl zusammen mit dem Kirchenorganisten herunter. Ich verschwand still und konnte mein Glück kaum fassen. Wenige Wochen später habe ich ihn anlässlich seiner Frankfurter Ehrenbürgerschaft dort fotografieren können. Erst später erfuhr ich, dass er damals nur ganze drei Monate in Europa war

                                                                                    

Das späte Glück

  Als ich nach einigen Jahren Ruhestand 2008 dem Bürgerhilfeverein meiner Stadt beitrat, wurde ich dort bald Finanzvorstand, früher Schatzmeister genannt. Als wir ein Jahr später nach neuen Arbeitsgebieten für den Verein suchten, fiel mir die Tafel ein, deren Gründung jemand  auch hier vergeblich wohl schon einmal versucht hatte. Wer einen Vorschlag macht, sollte sich auch darum kümmern, hieß es im Vorstand. Also besichtigte ich zwei Jahre lang passende Räumlichkeiten, suchte und fand Helfer, die ich immer wieder motivierten konnte, und verhandelte mit der schon existierenden Tafel im größeren Nachbarort, da ich erkannt hatte, dass wir die Logistik allein nicht hätten stemmen könnten. Endlich fanden sich sich auch passende Räumlichkeiten, in den Mietverhandlungen konnten wir gute Bedingungen heraushandeln, und die notwendigen Umbauten passten in den Finanzplan. Nach vielen Gesprächen mit den Märkten und den  zuständigen Helfer*innen, sowie dem Sammeln von Spenden  konnten wir Im Juli 2011 die Tafel eröffnen, die ich anschließend drei Jahre leitete. Ich habe dann einen tüchtigen Nachfolger gefunden und mit ihm sind noch immer  einige der ersten Helfer dabei. Der Arbeitsumfang hat sich inzwischen mehr als verdoppelt.
Die Tafel hat den Bekanntheitsgrad des Vereins erhöht und ihm zahlreiche neue Mitglieder zugeführt. Mit seinen auch dadurch ermöglichten verstärkten Angeboten ist er heute einer der größten Vereine der Gemeinde. Für mich von Bedeutung war neben der eigentlichen Aufgabe der Tafel die erstaunlich große Zufriedenheit der Helfer*innen mit ihrer Arbeit. Das habe habe ich in den vielen Unternehmen, die ich  während meines Arbeitslebens, kennengelernt habe, nicht erlebt. Es liegt sicher auch an der bewußt gewählten Freiwilligkeit der Arbeit. Diese meine Aufgabe der Gründung eines erfolgreichen StartUps  hat sich daher für mich tatsächlich als Glück im Ursprungssinne erwiesen, was mir allerdings erst bei der Entgegennahme der nebenstehenden Urkunde mit ihren etwa dreißig Unterschriften so recht bewusst geworden ist.

Das dritte Glück findet sich unter den Gedichten

 

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